Debatte

Seit dem Start der Website im Oktober 2015 haben uns Anmerkungen und Repliken erreicht, die wir an dieser Stelle gerne veröffentlichen und gegebenenfalls kommentieren.

Nina Treu und Elena Hofferberth von Konzeptwerk Neue Ökonomie

Erstens reduziert [… postwachstumskritik.de] den Postwachstumsdiskurs auf einige wenige (männliche) Autoren und auf „pauschales Schrumpfen“. Dem möchten wir die Vielfalt von Akteur_innen sowie ein differenziertes Verständnis von Postwachstum entegegensetzen. Zweitens erwidern wir den Optimismus der Autor_innen, den Klimawandel rechtzeitig mit technischen und marktbasierten Lösungen aufhalten zu können, mit der Notwendigkeit tiefgreifenderer Veränderungen unserer Wirtschafts- und Lebensweise. Drittens möchten wir Klarheit schaffen über die dem Diskurs zugrundeliegenden Menschen- und Weltbilder.
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Antwort von Franziska Funke, Frithjof Gressmann, Johanna Joy Obst und Matthias Roesti von postwachstumskritik.de

Zur mangelnden Vielfältigkeit der Darstellung

Die mangelnde Vielfältigkeit der Darstellung durch nur prominente Autoren erkennen wir als Problem und Defizit unseres Beitrags an. In diesem Zusammenhang bedanken wir uns für Eure Ergänzung der verschiedenen Strömungen der Postwachstumsbewegung, die wir gerne annehmen um uns individuell weiter mit der Thematik zu befassen. Die Einschätzung, dass die Domain postwachstumskritik.de eine umfassende Abhandlung über die Postwachstumsbewegung suggeriert, teilen wir jedoch nicht. Bereits auf der Startseite unserer Website haben wir versucht, den Charakter unseres Beitrags zu betonen („Die Darstellung erhebt nicht den Anspruch, einen systematischen Überblick über alle relevanten Quellen zu liefern. Dennoch bietet sie durch Einbeziehung einschlägiger Literatur einen einführenden Überblick in für dieses Themenfeld relevante Disziplinen“). Wir sind jedoch dankbar, dass Ihr diesen Eindruck mit uns besprecht und werden uns überlegen, wie wir zukünftig damit umgehen.

Zur Reduktion des Postwachstums auf Stagnation und Schrumpfung

Wir erkennen, dass viele Autoren, die sich der Postwachstumsbewegung zuordnen, auch anderes fordern, als die Abkehr vom Wirtschaftswachstum. Allerdings implizieren beide Termini „Postwachstum“ und „De-Growth“ schon begrifflich einen Fokus auf die Wachstumsfrage. Eben jenes Denken, das „Wirtschaftswachstum“ als den Kern vieler ökonomischer und umweltpolitischer Probleme identifiziert und dessen Abwesenheit als Lösung begreift, möchten wir in unserem Beitrag kritisch hinterfragen. Vielleicht werft Ihr uns zu Recht vor, dass wir dies nicht klar genug definiert haben. Wir möchten gerne versuchen, diese definitorische Lücke auf der Website zu schließen und noch einmal klarer darzustellen, dass wir uns in dem Beitrag jenen Vertretern widmen, die eine Stagnation oder Schrumpfung der Wirtschaft begrüßen oder gar fordern.

Sicherlich sind bessere Definitionen in der Debatte um Postwachstum ein großer Punkt. Wir haben den Eindruck, dass sowohl Ökonomen als auch ein großer Teil der Öffentlichkeit den Begriff „Postwachstum“ als These verstehen, die dezidiert ein Nicht-Wachstum fordert (also Stagnation oder Schrumpfung), während viele Postwachstumsverfechter eher eine politische Bewegung meinen. Der These der ersten Interpretation kann man sich (unter anderem) mit wissenschaftlichen ökonomischen Methoden recht gut nähern. Darüber hinaus erkennen wir es als sehr wichtig an, politisch über Konsum und Nachhaltigkeit nachzudenken. Vermischen sich wissenschaftlich sachliche Annäherungen an die erste Interpretation jedoch mit den politischen normativen Implikationen der zweiten Interpretation wächst die Gefahr, dass wir aneinander vorbeireden. Das kann soweit führen, dass auf beiden Seiten eine ideologische Ablehnung gegenüber dem sprachlichen Register und Vokabular des jeweils anderen entsteht.

Vielleicht sind es auch diese sprachlichen Differenzen, die uns an vielen Stellen nicht erkennen lassen, dass in einigen Punkten ein sachlicher Konsens vorliegt. Wie Ihr ja auch festgestellt habt, stimmen wir sowohl darin überein, dass es notwendig ist, Umwelt- und Knappheitsprobleme zu konfrontieren als auch darin, dass wir bestimmte Defizite unseres Wirtschaftssystems und der Wohlfahrtsmessung adressieren müssen. In unserem Beitrag gehen wir sogar explizit darauf ein, dass ressourcenintensiver Konsum sehr wahrscheinlich stark reduziert werden muss, wenn umweltpolitische Ziele der Klimarettung und der Nachhaltigkeit erreicht werden wollen. Damit schließen wir uns Eurem Wunsch nach einer „durchdachten und gezielten Kombination aus Effizienz, Substitution und Suffizienz“ an.

Marktbasierte Lösungen ad acta legen?

Auch auf Eure Entgegnung über Strategien der CO2-Bepreisung wollen wir gerne antworten. Wir erkennen an, dass gegenwärtige Zertifikatssysteme ihre Schwächen aufweisen. In Eurer Entgegnung tritt jedoch jene Argumentationsweise zu Tage, die wir in dem dazugehörigen Abschnitt über die Unterscheidung der First- und Second-Best-Analysen kritisiert haben: Aus gegenwärtigen Schwierigkeiten der institutionellen Implementierung eines Instruments wird auf dessen Untauglichkeit geschlossen.

In Eurer Replik schreibt Ihr: „Abgesehen von den praktischen Unzulänglichkeiten birgt die CO2-Bepreisung das Problem, dass sie von dem notwendigen Ausmaß der Umwälzungen ablenkt und den Klimawandel als ein Phänomen deklariert, welches mit Marktmechanismen zu lösen ist.“ Wenn die Vermeidung des Klimawandels das primäre Ziel ist, so müsstet Ihr jedoch an die „[gesellschaftlichen] Umwälzungen“, die Ihr fordert, den gleichen Prüfungsmaßstab anlegen wie an die Marktmechanismen: Welche anderen Politikinstrumente können denn prinzipiell eine Wirtschaft dekarbonisieren und das zu vertretbaren gesellschaftlichen Kosten? Natürlich ist eine kritische Prüfung der gegenwärtigen klimapolitischen Instrumente sinnvoll. Eine pauschale Ablehnung marktbasierter Lösungen erscheint uns jedoch wenig zielführend und politisch motiviert. Hier sehen wir es als konstruktiver an, die institutionellen Rahmenbedingungen des Emissionshandels kritisch zu analysieren und zu verbessern, als das Instrument mit einem Verweis auf gegenwärtige Schwierigkeiten ad acta zu legen.

Zu verschiedenen Menschen- und Weltbildern

Zuletzt ist es uns wichtig, die Diskussion um Menschen- und Weltbilder noch einmal anzusprechen. Ihr schreibt “[Der Zweifel am liberalen Präferenzutilitarismus ist] vorsichtig formuliert und die Darstellung liberaler Argumente nimmt doch relativ viel Platz ein. Dies sehen wir als wenig zielführend an.” Mit welcher Begründung haltet ihr die Diskussion für wenig zielführend? Ziel des Abschnitts ist es festzustellen, mit welchen Argumenten normative Grundannahmen unserer Wirtschaftsordnung gerechtfertigt oder eben Euren Anmerkungen folgend als irreführend zurückgewiesen werden können.

Vielen Dank noch einmal für Euren Beitrag. Er war für uns eine willkommene Einladung, über weitere Facetten der Postwachstumsbewegung nachzudenken und motiviert uns, die Abgrenzung, die wir mit unserem Fokus auf „dezidiertem Nicht-Wachstum“ in unserem Beitrag vornehmen, auf unserer Website deutlicher hervorzuheben.