Diskussion

Im Folgenden sollen wichtige Einsichten unseres Beitrags zusammengefasst werden, die sowohl an der Wachtumskritik als auch an den vorherrschenden Ansätzen der Volkswirtschaftlehre Kritikpunkte offenlegen. Abschließend werden die Grenzen unseres eigenen Ansatzes in dieser Arbeit diskutiert.

Kritikpunkte an der Wachstumskritik

Dass es “Wachstumskritik” – verstanden als Kritik an der Lehrmeinung, Wirtschaftswachstum sei die Lösung für viele Probleme unserer Gesellschaft – braucht, ist für uns unstrittig. Gestritten werden kann und sollte jedoch über die Argumente und deren Schlussfolgerungen, genauso wie über den Fokus der Debatte. Zu häufig werden die Grundfragen in uns bekannter Literatur und Vorträgen vermischt. Daher legen wir mit diesem Beitrag eine Systematisierung wachstumskritischer Argumente entlang der Fragen noch der Möglichkeit, der Erwünschtheit und der Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum vor. Umgekehrt also: “Müssen wir schrumpfen?”, “Wollen wir schrumpfen?”, “Können wir schrumpfen?” Bezüglich der Frage des “Müssens” gibt es kaum hinreichende Argumente dafür, Degrowth oder Nichtwachstum der Wirtschaft pauschal als die Lösung der unstrittigen Umweltprobleme anzusehen. Ebenso unstrittig ist für uns, dass Effizienzgewinne im Umweltverbrauch durch technologische Lösungen allein nicht genügen, sondern dass auch Änderungen von Konsummustern nötig sein werden (vgl. IPCC 2014). Daraus könnte sogar folgen, dass unsere Wirtschaft weniger oder nicht mehr wächst. Der Fokus sollte allerdings weniger auf den Wachstums-Parameter gelegt werden, als vielmehr darauf, in welchen ressourcenintensiven Sektoren Konsum und Produktion in welcher Art und Weise verändert werden sollten. Der Blick sollte wieder mehr auf Effektivität und Effizienz konkreter politischer Instrumente zur Erreichung des jeweiligen Ziels gerichtet werden, denn die Klima- und Umweltprobleme drängen auf praktikable Ansätze. Der Argumentation der These, unser marktwirtschaftliches System ließe keine an Wachstum angreifenden Maßnahmen zu und daher dürfe nur das große Ganze betrachtet werden, können wir nicht folgen. Hinsichtlich des “Wollens” ist die Differenzierung zwischen empirischen und normativen Argumenten unerlässlich. Der Schluss, Nicht-Wachstum oder Schrumpfung sei wünschenswert, da Wachstum nicht glücklich mache, kann hier nur dann folgen, wenn ersteres mit empirischen Befunden vereinbar ist (und umgekehrt Schrumpfung glücklicher machen kann), aber man es vor allem zweitens als gesellschaftliches Ziel ansieht, dass Wirtschaftspolitik die Bevölkerung glücklich machen solle. Hier wird in der Debatte oft ein entscheidender Schritt übersprungen. Auch sollte sich mancher Wachstumskritiker, der neben einer Lösung der Umweltprobleme auch soziale Fragen bewältigen will, der Tatsache bewusster werden, dass im Kontext des demographischen Wandels ohne Wirtschaftswachstum die Finanzierung der Sozialsysteme erschwert würde. Diese Kritik sollte Wachstumskritiker indes nicht dazu bringen, nur noch visionslos aktuelle Politikoptionen zu diskutieren. Vielmehr ist eine durchdachtere und differenziertere Argumentation für die jeweiligen Forderungen unerlässlich.

Kritikpunkte an der Volkswirtschaftslehre

Die vorliegende Analyse wachstumskritischer Argumente offenbart darüber hinaus auch einige konzeptuelle Probleme der weitverbreiteten Standardansätze der Volkswirtschaftslehre. Hinsichtlich der Lösungsansätze für Umweltprobleme scheint sich ein zu großer Teil der VWL mit First-Best-Lösungen zu beschäftigen. Dies sind Modelle in denen volle Effizienz erreicht werden kann, weil neben dem zu lösenden Umweltproblem keine weiteren Markt- oder Politikversagen betrachtet werden. Die Theorie des Zweitbesten (vgl. Lipsey and Lancaster 1956) kann aber zu ganz anderen Schlussfolgerungen führen, da es insgesamt nicht immer optimal ist, spezifische Probleme zu lösen ohne andere Schwierigkeiten mit zu berücksichtigen. Auf die Frage nach den natürlichen Grenzen des Wachstums bezogen kann das beispielsweise bedeuten, dass gewisse wachstumshemmende Regulierungen positiv zu bewerten sind, wenn die durch Treibhausgasemissionen verursachten Externalitäten nicht internalisiert werden können. Auch wenn bei einer Analyse des Zweitbesten eine eindeutige Schlussfolgerung schwieriger ist (vgl. z.B. Rodrik 2008), wäre mehr Forschung in diese Richtung wünschenswert.

Darüber hinaus ist auch der Wachstumsbegriff selbst meist sehr undifferenziert, in der Regel wird nur das BIP-Wachstum betrachtet. Zum Beispiel wird ein Wachstum, das durch billigeren Strom als Folge lascherer Regulierung von Atomkraftwerken entsteht, gleich gewichtet wie die Entdeckung einer neuen Energiegewinnungsmethode mit dem gleichen Effekt auf den Strompreis. Ohne eine gewisse Differenzierung der Arten des Wachstums und die Bewertung ihrer relativen Erwünschtheit besteht die Gefahr, dass bei der Betrachtung von empirischen Ergebnissen die falschen Schlüsse gezogen werden. Es gibt durchaus Alternativen, z.B. den Index of Sustainable Economic Welfare, den Inequality Adjusted Human Development Index oder den Genuine Progress Indicator. Auch diese Indikatoren sind mit Problemen behaftet (vgl. etwa Neumayer 2000; Hicks 1997), allerdings können diese im konkreten Anwendungsfall verglichen mit den Defiziten der BIP-Wachstumsrate weniger ins Gewicht fallen. Ausgehend von der verbreiteten Annahme eines abnehmenden Grenznutzens des Konsums ist beispielsweise die Verwendung einer Zielvariable, die Verteilungsfragen ignoriert, kaum zu rechtfertigen, da in diesem Fall der Grad der Einkommens- und Vermögensungleichheit direkte Konsequenzen für die Gesamtwohlfahrt hat.

Nicht nur wird im Speziellen zwischen verschiedenen Arten des Wachstums zumeist ungenügend unterschieden, allgemeiner sind in der VWL die Grenzen zwischen positiver und normativer Analyse zu häufig zu verschwommen. Dabei werden etwa aus “objektiven” Ergebnissen politische Handlungsempfehlungen abgeleitet, die aber auf einer nicht klar formulierten normativen Grundlage beruhen und daher keine zwingende Konsequenz der empirischen Resultate darstellen. In ökonomischen Analysen wird beispielsweise standardmäßig angenommen, dass die Wohlfahrt darin besteht, die Präferenzen der Individuen zu erfüllen. Dies ist jedoch kein selbst-evidenter normativer Standpunkt, sondern nur einer von vielen möglichen darüber, was das Ziel von Wirtschaftspolitik sein soll (vgl. Abschnitt zu den normativen Grundlagen). Für Wachstumskritiker scheint es offenbar plausibler, das Ziel stattdessen darin zu sehen, Menschen glücklich zu machen. Eine mangelnde Hervorhebung des normativen Standpunkts erschwert also den wissenschaftlichen Diskurs. Der Wachstumskritiker beurteilt zudem die gleiche Verteilung von Wohlstand nicht selten ganz anders als der Wachstumsbefürworter. Ökonomen sollten daher, wo möglich, in Publikationen und der öffentlichen Kommunikation ihrer Forschung auch die angenommenen normativen Standpunkte offenbaren, um den Adressaten ein eigenes Urteil darüber zu ermöglichen.

Grenzen unseres Ansatzes

Nicht zuletzt lassen sich auch an unserem Ansatz dieser Arbeit Kritikpunkte aufzeigen. So stellt sich wohl als erstes die Frage der Relevanz dieses Beitrags zu alledem, was bisher zu diesem Thema schon gesprochen oder geschrieben wurde. Denn zu keinem Thema gibt es wohl mehr Meinung als zur Zukunft, vor allem, wenn sie ein solches, alle Lebensbereiche durchdringendes, Feld betrifft, wie unsere Wirtschaftsordnung. Unser Anspruch an unsere Texte ist hierbei nicht, neue, bisher unthematisierte, Probleme anzusprechen oder etwa eine neue Lösungen zu präsentieren. Das Ziel war es zunächst, die Erkenntnisse, welche wir in den zwei Wochen intensiver Gruppenarbeit und voraus- oder nachfolgendem Selbststudium erlangt haben, in kurzer und prägnanter Form zu verdichten. Die Größe dieses Themengebietes haben uns dazu veranlasst, einen speziellen Ansatz zu verfolgen: Durch das Herausgreifen einzelner wachstumskritischer Thesen, deren kurzer Darstellung und anschließender Kritik wollten wir Kristallisationspunkte für nachfolgende fundierte Diskussionen schaffen. Leider hat dieser Ansatz als direkte Konsequenz ebenfalls, dass einige, möglicherweise durchaus entscheidende Dimensionen vernachlässigt werden und nicht alle relevanten Quellen in die Analyse mit einbezogen werden können. So kann dies aber gegebenenfalls auch zu nachfolgender fehlerhafter Argumentation führen. Als eine Gruppe, welche den Anspruch von formaler und inhaltlicher Korrektheit an die Argumentationsweisen der Verfechter wachstumskritischer Thesen stellt, ist dies besonders relevant. Aus diesem Grund freuen wir uns sehr über kritische Anregungen zu den hier präsentierten Texten.

Als weitere Frage bleibt sicher auch noch die Notwendigkeit der Publikation. Was wir mit dieser Publizierung verfolgen, ist die Hoffnung, anderen interessierten Personen einen schnellen und leicht verständlichen Einstieg in die Thematik zu ermöglichen und somit über unser direktes Umfeld hinaus, zu Diskussionen und zum Nachdenken anzuregen. Thesen aufzustellen ist einfach, die kritische Auseinandersetzung mit ihren Prämissen und Konsequenzen etwas ganz anderes. Und eben diese Diskussionsqualität möchten wir hiermit stärken. So hat unser Ansatz sicher nicht den Anspruch ein neues Weltbild zu erschaffen, aber vielleicht können die dargestellten Ideen als kleiner Anstoß dienen, Überzeugungen zu hinterfragen und konstruktiv zu diskutieren.



Literatur

Hicks, Douglas A. 1997. “The Inequality-Adjusted Human Development Index: A Constructive Proposal.” World Development 25 (8). Elsevier: 1283–98.

IPCC. 2014. Climate Change 2014: Synthesis Report. Contribution of Working Groups I, II and III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Core Writing Team, R.K. Pachauri and L.A. Meyer (Eds.)]. IPCC; IPCC, Geneva, Switzerland.

Lipsey, Richard G., and Kelvin Lancaster. 1956. “The General Theory of Second Best.” The Review of Economic Studies 24 (1). Oxford University Press: 11–32.

Neumayer, Eric. 2000. “On the Methodology of ISEW, GPI and Related Measures: Some Constructive Suggestions and Some Doubt on the ‘Threshold’-Hypothesis.” Ecological Economics 34 (3). Elsevier: 347–61.

Rodrik, Dani. 2008. One Economics, Many Recipes: Globalization, Institutions, and Economic Growth. Princeton University Press.