«Ohne Milderung ökonomisch und sozial bedingter Wachstumszwänge ist wirksamer Klimaschutz langfristig nicht denkbar. Es ist daher vonnöten, die fehlgeleitete Vorstellung eines "qualitativen", also CO2-neutralen Wirtschaftswachstums endlich zu überwinden.»

-Niko Paech

Einleitung

Unsere Gesellschaft ist von einem weitverbreiteten Unbehagen an einem auf Wachstum basierenden Wirtschaftssystem geprägt. Angesichts von Umweltzerstörung, Stress und Finanzkrisen stimmen fast drei Viertel (72 %) der Bevölkerung in Deutschland der Aussage zu: “Wenn ich sehe, dass unsere Wirtschaft Jahr für Jahr weiter wächst, frage ich mich: Wie lange kann das noch gut gehen?”. Gleichzeitig erachten 59 Prozent Wirtschaftswachstum als Voraussetzung für die Sicherung unseres Wohlstandes (Schack 2015, 13). Diese Diskrepanz zeigt auf, dass sich die Bevölkerung unschlüssig ist, ob nun die positiven oder negativen Aspekte des Wirtschaftswachstums überwiegen.

Zeitstress, Reizüberflutung und Burnout werden in den Industrieländern vermehrt auf ein gesellschaftliches Wachstumsparadigma zurückgeführt. Umweltzerstörung, der Klimawandel und die Endlichkeit fossiler Brennstoffe stellen die Tragfähigkeit der industrialisierten Lebensweise in Frage. Außerdem sehen viele Menschen die Staatsschuldenkrisen der letzten Jahre als Beweis dafür, dass das kapitalistische System an seine Grenzen stößt.

Diese gesellschaftlichen Entwicklungen haben der Postwachstumsbewegung in Deutschland und anderen Industrieländern Schwung gegeben. Vertreter dieser Degrowth-Bewegung verlangen eine Abkehr von Wachstum als gesellschaftlichem Ziel. So fordert Deutschlands bekanntester Postwachstumsökonom Niko Paech, Gastprofessor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg, die Menschen dazu auf, ihre Konsummuster radikal zu überdenken. Die technologischen Potentiale erneuerbarer Energien bewertet Paech pessimistisch. Er bezweifelt, dass Effizienzsteigerungen jemals die Steigerung des Produktionsvolumens aufholen könnten, dass eine “Entkopplung” des Wirtschaftswachstums von Treibhausgasemissionen also nicht möglich ist. Als Lösung begreift Paech eine Regionalisierung von Produktion und Verbrauch und nicht zuletzt den Verzicht auf ressourcenintensiven Konsum. Er propagiert eine Reduktion der Arbeitszeit und eine Rückkehr zu mehr Subsistenz, um physische und psychische Ressourcen zu schonen (Paech 2011). In Großbritannien ist Tim Jackson, Professor für nachhaltige Entwicklung an der University of Surrey, ein wichtiger Vertreter der Postwachstumsökonomie. Auch Jackson bezeichnet die vollständige Entkopplung des Wirtschaftswachstums von einem nicht nachhaltigen Ressourcenverbrauch als Mythos und argumentiert stattdessen, dass nur ein Schrumpfen der Wirtschaft zukünftige irreversible Umweltkatastrophen verhindern kann. Weiterhin fordert Jackson “a renewed sense of shared prosperity” (Jackson 2009, 5) und betont, dass mit der Schrumpfung der Wirtschaft ein gesellschaftlicher Dialog über Wohlstand und Glück einhergehen muss.

Verfechter der Postwachstumsbewegung setzen häufig bei einer Kritik der kanonischen Volkswirtschaftslehre an und beanstanden, dass ökonomische Standardmodelle negative Folgen des Wachstums nicht abbilden können. Tatsächlich liegt den üblichen ökonomischen Wachstumsmodellen die Annahme zugrunde, dass Wachstum des Konsums die gesellschaftliche Wohlfahrt erhöht (Mankiw 2003, 211). Auch in den mikroökonomischen Standardmodellen wird das individuelle Streben nach Wachstum impliziert. Bei individuellen Konsumentscheidungen gilt zumindest in der mikroökonomischen Theorie das Gesetz der “Nichtsättigung”, das dem Menschen modellhaft unterstellt, dass ihn immer mehr Konsum auch immer besser stellt (Meyer, Schumann, and Ströbele 2011, 4). Außerdem gilt zur Ermittlung des Wohlstandes einer Volkswirtschaft seit lange Zeit das Bruttoinlandsprodukt, ein schlichter quantitativer Wachstumsindikator, als wirtschaftspolitisch maßgebend.

Wachstumskritiker treffen mit ihrer Intuition, die Vorrangstellung des Wirtschaftswachstums zu hinterfragen, den Zeitgeist und liegen sicherlich richtig, die physischen Grenzen unseres Ressourcenverbrauchs, die Sinnhaftigkeit von Konsum und die psychischen Grenzen im (Arbeits-)Alltag zu adressieren. Allerdings ist fraglich, ob die obigen wachstumskritischen Argumente das gesamte Spektrum an wirtschaftspolitischen Möglichkeiten zur Vermeidung von globalen ökonomischen Krisen sowie des Klimawandels und zur Verbesserung der Lebensqualität erfassen. Wachstumskritik stellt dezidiert “Nicht-Wachstum” bzw. sogar eine Schrumpfung der Wirtschaft als ein vernünftiges gesellschaftliches Ziel dar. Zwar ist die Kritik daran legitim, dass Wachstum um des Wachstums willen kein sinnvolles gesellschaftliches Ziel darstellt, und dass Wirtschaftswachstum als Mittel, Ziele der Nachhaltigkeit und des guten Lebens zu erreichen, Schwächen aufweist. Doch ob vor diesem Hintergrund Nicht-Wachstum ein sinnvolles Ziel sein kann, bleibt zu untersuchen.

Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, drei zentrale Argumente, die von wachstumskritischen Autoren oftmals vorgebracht werden, kritisch zu bewerten. Eine systematische Differenzierung der Postwachstums-Thematik ist dabei wichtig, um die häufig undurchsichtigen Argumentationsstrukturen wachstumskritischer Autoren angemessen zu beurteilen. So untersuchen wir in dieser Arbeit die Fragestellungen “Müssen wir Wachstum aufgeben? Wollen wir Wachstum aufgeben? Können wir Wachstum aufgeben?”.

Der erste Abschnitt “Müssen wir Wachstum aufgeben?” beschäftigt sich mit den physischen Grenzen des Wachstums. Zunächst wird untersucht, ob im Zusammenhang des Klimawandels eine Reduktion oder Stagnation des Wirtschaftswachstums erforderlich ist, um Klimaziele zu erreichen. Die Schwierigkeiten knappe Ressourcen zu substituieren oder zu schonen wirft zudem die Frage auf, ob eine drohende Ressourcenknappheit einen Verzicht auf Wachstum unausweichlich macht. Die Analyse stützt sich dabei sowohl auf die Ergebnisse des fünften Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel of Climate Change (“Weltklimarat”, IPCC) als auch auf wissenschaftliche Aussagen über die Knappheit mineralischer Rohstoffe. Bezüglich der Vermeidung des Klimawandels lässt sich so feststellen, dass eine pauschale Schrumpfung der Gesamtwirtschaft zwecks Reduktion der Treibhausgasemissionen als deutlich ineffizienter einzuschätzen ist, als die Reduktion der Treibhausgase durch Bereitstellung erneuerbarer Energieträger und Produktionsweisen. Unmittelbare wirtschaftliche Folgen eines “Peak Oil” oder “Peak Mineral” sind kaum erforscht. Trotzdem lässt sich argumentieren, dass auch hier spezifische politische Vorsorgemaßahmen, vor allem die Förderung alternativer Antriebsweisen und Gebäudesanierung, praktikabler und effizienter wären als eine Schrumpfung der Wirtschaft anzustreben.

Der zweite Abschnitt “Wollen wir Wachstum aufgeben?” adressiert die psychologischen Grenzen des Wachstums und die normativen Grundlagen von Wirtschaftspolitik. Anhand empirischer Erkenntnisse der Glücksforschung und Sozialpsychologie werden die quantitativen Zusammenhänge zwischen Glück und Wirtschaftswachstum untersucht und die Frage beantwortet, ob Wirtschaftswachstum glücklicher machen kann. Getrennt werden muss diese Betrachtung jedoch von der normativen Frage, welche Werte Maßstab für politisches Handeln sein sollen. Diese Reflektionen erfolgen auf Grundlage der zentralen Resultate der Glücksforschung (Kahneman and Deaton 2010; Easterlin et al. 2010; Layard 2011) wie auch Analysen ihrer normativen Implikationen (Layard 2011; Fleurbaey and Blanchet 2013). Die empirische Analyse deutet darauf hin, dass Wachstum wahrscheinlich lange in seiner Wirkung auf das erlebte Glück der Menschen überschätzt wurde: ein positiver Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und Wirtschaftswachstum im langfristigen Ländervergleich ist durchaus möglich, aber nur schwach ausgeprägt. Die Beschäftigung mit den normativen Implikationen der verschiedenen Ansätze zeigt jedoch, dass in der Wachstumsdebatte der Diskurs “Wie wollen wir leben?” leider zu selten bei einer argumentativen Erörterung ethischer Prämissen ansetzt, sondern gleich empirische Ergebnisse vorschickt.

Im dritten Abschnitt beschäftigen wir uns mit der Frage “Können wir Wachstum aufgeben?” und untersuchen, ob dem Sozialsystem und der Finanzwirtschaft Wachstumszwänge inhärent sind. Radikale Vorschläge der Wachstumskritiker, wie eine weitreichende Kürzung der Arbeitszeit, würden zu großen Herausforderungen für die Bereitstellung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen wie Bildung, Rente und Gesundheitsleistungen führen. Auch im geldwirtschaftlichen Kontext lohnt sich die Frage nach systematischen Wachstumszwängen. Wettbewerbsdruck und Erwartungshaltungen scheinen jedoch eher zu diesen Zwängen zu führen als systematische finanzwirtschaftliche Prozesse selbst. Ungeklärt ist allerdings die Frage, ob sich ein klar zu fassender Wachstumszwang aggregiert für eine ganze Volkswirtschaft ergeben kann.

Der vierte Abschnitt führt die Ergebnisse der Analyse zusammen: Wir geben einige methodische Folgerungen für die Wachstumskritik und die Volkswirtschaftslehre an, die sich aus dieser Analyse ergeben, und erläutern die Grenzen unseres Ansatzes.



Literatur

Easterlin, Richard A, Laura A McVey, Malgorzata Switek, Onnicha Sawangfa, and Jacqueline Smith Zweig. 2010. “The Happiness-Income Paradox Revisited.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 107 (52). National Academy of Sciences of the United Stated of America: 22463–8.

Fleurbaey, M., and D. Blanchet. 2013. Beyond GDP: Measuring Welfare and Assessing Sustainability. Oxford University Press.

Jackson, Tim. 2009. Prosperity Without Growth: Economics for a Finite Planet. Earthscan.

Kahneman, Daniel, and Angus Deaton. 2010. “High Income Improves Evaluation of Life but Not Emotional Well-Being.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 107 (38). National Academy of Sciences of the United States of America: 16489–93.

Layard, R. 2011. Happiness: Lessons from a New Science (Second Edition). Penguin.

Mankiw, N. Gregory. 2003. Makroökonomik (5. Auflage). Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart.

Meyer, Ulrich, Jochen Schumann, and Wolfgang Ströbele. 2011. Grundzüge Der Mikroökonomischen Theorie (9. Auflage). Springer.

Paech, Niko. 2011. Vom Grünen Wachstumsmythos Zur Postwachstumsökonomie. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt.

Schack, Angelika, Korinna; Gellrich. 2015. “Umweltbewusstsein in Deutschland 2014, Ergebnisse Einer Repräsentativen Bevölkerungsumfrage.” Umweltbundesamt. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/umweltbewusstsein_in_deutschland.pdf.