Können wir Wachstum aufgeben?

Wachstumszwänge im Geldsystem?

Von Johanna Joy Obst

Können wir Wachstum aufgeben oder sind Unternehmen und damit die gesamte Volkswirtschaft aufgrund unseres Geldsystems gezwungen zu wachsen?
Unter dem Begriff “Wachstumszwang” soll hier zu verstehen sein, dass es zu Krisen kommt, wenn die Wirtschaft nicht wächst. Unter “Geldsystem” verstehen wir die bestehende Ordnung mit der Zentralbank als Emittentin der Notenbankgeldmenge, die durch die Geldschöpfung der Geschäftsbanken ergänzt wird. Letzteres geschieht u.a. dadurch, dass Banken die Kundeneinlagen in Form von Krediten an andere Kunden weitergeben.
Mögliche Wachstumszwänge im Geldsystem werden von Wachstumskritikern auf verschiedene Weise begründet. Im Folgenden werden vier Argumente auf ihre Stichhaltigkeit geprüft.

“Durch den Zwang, Kredite aufzunehmen, führen positive Zinsen zu einem Wachstumszwang.”

Dass Firmen Kredite aufnehmen müssen, stimmt, da typischerweise Produktionskosten gezahlt werden müssen, bevor Einnahmen aus der Produktion entstehen. Allerdings entspricht die Zahlung der Zinsen der Entlohnung für den Produktionsfaktor Kapital. Dieses Kapital wird investiert, die Investition erwirtschaftet Einnahmen. Die Zinsen sind der Preis des Kapitals, genau wie Löhne der Preis für die Investition von Arbeit sind. Positive Zinsen sind keine steigenden Zinsen, sie erfordern also positiven Ertrag, der die Kosten deckt, aber nicht unbedingt steigenden.

“Unsicherheit erhöht die Zinsen aufgrund der Risikoprämie über die Wertschöpfung des Kapitals hinaus und führt so zu einem Wachstumszwang.”1

Da die Risikoprämie entsprechend der Wahrscheinlichkeit des Ausfallrisikos von Krediten berechnet wird (Wenzlaff, Kimmich, and Richters 2014), dürfte sich für das aggregierte BIP allein daraus nicht der Zwang ergeben zu wachsen. Beispielsweise würde man in einer Volkswirtschaft durchschnittlich eine Risikopämie von 3% verlangen, wenn circa 3% der gesamten Kreditsumme aufgrund von mangelndem Ertrag nicht zurückgezahlt werden könnten. Aggregiert nimmt die Gruppe der Kapitalgeber durch die Risikoprämie also kein zusätzliches Geld ein. Denn besteht ein Risiko, so bedeutet dies, dass es in Teilen auch zu Schrumpfung kommen wird, was sich in der Theorie mit den wachsenden Wirtschaftsteilen ausgleichen könnte.

“Aufgrund der Gewinnerwartungen von Aktionären bestehen de facto Wachstumszwänge.”

Dem Vorhandensein von Wachstumsdruck aufgrund der Gewinnerwartungen von Aktionären ist zuzustimmen. Dieser kann dazu führen, dass Unternehmen ohne Gewinn und somit ohne Wachstum kein Kapital mehr erhalten, schließlich nicht einmal mehr Ersatzinvestitionen tätigen können und so in Konkurs gehen, so Binswanger (2013: 313; vgl. auch Gordon and Rosenthal 2003). Dies widerspricht allerdings nicht der Möglichkeit einer staatlich verordneten Aufgabe von Wirtschaftswachstum. In einem solchen Fall würden die Gewinne der Kapitalseigner sinken, was jedoch akzeptiert werden müsste. Verhindert der angeführte unternehmerische Wachstumszwang jedoch die Möglichkeit einer gesellschaftlichen bzw. unternehmerischen Bewegung hin zu Konstanz der Produktion, also zu Postwachstum? Dies ist in Anbetracht dessen zu verneinen, dass es schon heute stabile Unternehmen gibt, welche kein Produktionswachstum zu Ziel haben (Koschnitzke 2014). Der beschriebene Wachstumszwang am Aktienmarkt ist außerdem nicht dem Geldsystem, sondern der Annahme anthropogenen Gewinnstrebens zuzuordnen. Das Beispiel von Genossenschaften zeigt, dass diese Annahme nicht für jeden Kapitalanleger gelten muss.

“Der Prozess der Geldschöpfung ermöglicht Wachstumszwang.”

Die Wirkung der in der dritten These beschriebenen Wachstumszwänge sind nach Binswanger durch die ständige Geldschöpfung möglich (Binswanger 2013: 311-312). Zwar ist der Prozess der Geldschöpfung finanzwissenschaftlich unstrittig. Doch ist klarzustellen, dass sich aus diesem selbst kein Wachstumsdruck ergibt, da der Schlüssel zu Wirtschaftswachstum bei der Kreditnachfrage liegt. Diese ist nach Irmen letztlich “von der Menge profitabler Investitionsprojekte” abhängig (2011).2 Dem gegenüber wird die Kreditnachfrage nach Binswanger vom Wachstumszwang durch die Kapitalgeber bestimmt, was oben analysiert wurde. Wovon die Kreditnachfrage letztlich abhängt und welche Anreize die Geldschöpfung genau schafft, bedarf weiterer Forschung. Die bisherige Literatur zu diesem Aspekt ist nicht immer überschaubar. Aufgrund des Wettbewerbsdrucks sind Unternehmen gezwungen zu wachsen, um nicht konkurs zu gehen. Dieses Phänomen wird aufgrund der Rollen von steigenden Skalenerträgen3 in bestimmten Branchen auftreten. Die Frage, inwiefern dies jedoch aggregiert zu einem Wachstumszwang der Volkswirtschaft führt, kann als ungeklärt betrachtet werden.

Insgesamt sind de facto in vielen Fällen aufgrund der Gewinnerwartungen der Kapitalgeber oder möglicherweise aufgrund von Wettbewerbsdruck Wachstumszwänge zu erkennen. Diese können jedoch erstens weniger dem Geldsystem zugeschrieben werden. Zweitens ist ungeklärt, inwieweit sich daraus für die Volkswirtschaft aggregiert ein Wachstumszwang ergibt.



Literatur

Binswanger, Hans Christoph. 2013. Die Wachstumsspirale. Metropolis Verlag.

Gordon, Myron J., and Jeffrey S. Rosenthal. 2003. “Capitalism´s Growth Imperative.” Cambridge Journal of Economics 27. Elsevier: 25–48.

Irmen, Andreas. 2011. “Ist Wirtschaftswachstum Systemimmanent?” Discussion Paper. http://www.uni-heidelberg.de/md/awi/professuren/with2/dp509.pdf.

Müller-Christ, Georg. 2011. “Wachstum Und Nachhaltigkeit Aus Der Sicht Der Betriebswirtschaftslehre.” http://www.postwachstumsoekonomie.org/Muller-Christ_Wachstum-und-Nachhaltigkeit-BWL.pdf.

Piekenbrock, Marion, Dirk und Steven. 2015. “Skalenertrag. Gabler Wirtschaftslexikon.” http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/skalenertrag.html.

Wenzlaff, Ferdinand, Christian Kimmich, and Oliver Richters. 2014. “Theoretische Zugänge Eines Wachstumszwanges in Der Geldwirtschaft.” Discussion Paper. https://www.wiso.uni-hamburg.de/fileadmin/sozialoekonomie/zoess/DP_45_Wenzlaff_Kimmich_Richters.pdf.


  1. vgl. Müller-Christ (2011)

  2. Auch kritisiert Irmen die mangelnde Beschreibung von Anpassungsprozessen der Geldwirtschaft bei Binswanger.

  3. Der Skalenertrag ist die “Änderung des Outputs (Produktionsertrags), die dadurch entsteht, dass bei gegebener Produktionstechnik alle Faktoreinsatzmengen im gleichen Verhältnis variiert werden. Wächst die Produktionsmenge proportional, überproportional oder unterproportional zum Faktoreinsatz, spricht man von konstantem, zunehmendem oder abnehmendem Skalenertrag.” (Piekenbrock 2015).