Müssen wir Wachstum aufgeben?

Erfordert ambitionierter Klimaschutz eine Schrumpfung der Wirtschaft?

Von Philipp Mathé und Michael Oberhaus

Der Mensch ist Verursacher der momentan beobachtbaren Klimaveränderungen, sowie ihrer Folgen. Die Emission von CO2 durch den Menschen ist der mengenmäßig bedeutendste Beitrag zur Verstärkung des natürlichen Treibhauseffektes. Um die Lebensgrundlagen der Erde bestmöglich zu schützen, müssen Treibhausgasemissionen gesenkt werden. Als politisches Ziel wurde eine Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2°C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau formuliert (United Nations 2011). Dies ergibt sich aus der Einsicht, dass bei einer Erwärmung der globalen Mitteltemperatur um weniger als 2°C die schwerwiegendsten Folgen des Klimawandels, wie beispielsweise das unumkehrbare Abschmelzen des Grönlandeises, vermieden werden können. Der IPCC zeigt für unterschiedliche Entwicklungen der Emissionsmengen die Erfolgswahrscheinlichkeiten auf: Um das 2-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln zu erreichen, darf die CO2-Konzentration in der Atmosphäre etwa 420 ppm nicht überschreiten (Clarke et al. 2014). Zum Vergleich: Im Jahre 1959 lag die globale CO2-Konzentration bei ca. 315 ppm, im Jahr 2000 bereits bei 369 ppm und 2008 bei 385 ppm (Keeling et al. 2015). Im Jahr 2014 lag sie bei 399 ppm (vgl. Joomla 2015).

Wenn dieses Limit eingehalten werden soll, muss unser Wirtschaftssystem dekarbonisiert, das heißt, eine langfristige Umstellung zu kohlenstoffneutralem Wirtschaften erreicht werden. Um innerhalb der 2°C-Grenzen zu bleiben, muss eine CO2-arme Wirtschaftschaftsweise bereits bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts erreicht sein. Dass also der Umgang der Wirtschaft mit der Umwelt nicht unverändert bleiben kann, wenn das Klima effektiv geschützt werden soll, ist unbestreitbar - von welcher Art und wie tiefgreifend die Veränderungen sein müssen, ist jedoch umstritten. Würde z.B. der massive Einsatz von CO2-sparenden Technologien bereits ausreichen, um dieses Ziel zu erreichen, oder muss vielmehr die Wirtschaftsleistung verringert werden, um im ökologisch vertretbaren Rahmen zu bleiben?

Als einer der prominentesten Wachstumskritiker beantwortet Jackson (2009) diese Frage mit folgendem Argument: Wenn 1.) die Dekarbonisierung der Wirtschaft bis 2050 eine 20- bis 130-fache Verringerung der CO2-Intensität pro erwirtschaftetem US-$ erfordert und die Emissionen dafür um 7-11% pro Jahr reduziert werden müssen und 2.) in der Vergangenheit keine vergleichbaren Effizienzsteigerungen erreicht werden konnten, so ist, seiner Meinung nach, 3.) bei weiterem Wirtschaftswachstum Dekarbonisierung nicht zu erreichen. Während die Prämissen realistische Beobachtungen sind und somit nicht angezweifelt werden sollen, so ist Jacksons Schlussfolgerung dennoch zu hinterfragen: Kann man annehmen, dass das, was in der Vergangenheit nicht möglich war - die Entkopplung von CO2-Ausstoß und Wirtschaftswachstum -, auch in der Zukunft unmöglich bleiben wird? Ist dies selbst dann der Fall, wenn man die institutionellen und gesellschaftlichen Widerstände gegen diese Effizienzsteigerung aus der Vergangenheit identifizieren kann? Bedeutet dies, dass wir zum Mittel des pauschalen Schrumpfens greifen müssen? Zunächst lässt sich bei der Analyse der Dekarbonisierungsmöglichkeiten zwischen einer “first-best”- und einer “second-best”-Variante unterscheiden. Die “first-best”-Analyse betrachtet ausschließlich die technologischen und gesamtwirtschaftlichen Möglichkeiten, die “second-best”-Analyse berücksichtigt zusätzlich die realistischen institutionellen Rahmenbedingungen. Eine Analyse ist dann “second-best”, wenn davon ausgegangen wird, dass vom Klimawandel unabhängige Markt- oder Staatsversagen nicht gleichzeitig mit einer effektiven Klimapolitik behoben werden können. Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn man sich überlegen will, was für Handlungsmöglichkeiten für Regierungen sich aus dem Status Quo ergeben. Denn dabei ist entscheidend, welche Einflussmöglichkeiten zugelassen werden. Ein Beispiel: Eine Analyse der Effizienzpotentiale für die Dekarbonisierung im First-Best würde annehmen, dass globale Kooperation der Staaten stattfindet und ein gleichmäßiger globaler CO2-Preis den Treibhausgasaustoß regulieren kann. Eine analoge “Second-Best-Analyse” würde davon ausgehen, dass Staaten nur unzureichend kooperieren und unter dieser Einschränkung die bestmögliche Klimapolitik ermitteln. Es bleibt in der Analyse von Jackson hierbei leider unklar, ob er in seiner Schlussfigur von einer “second-best”-Analyse der Vergangenheit (2.)) zu einer “first-best”-Prognose der Zukunft gelangt (3.)), also die gegebenen institutionellen Rahmenbedingungen einfach weiterzeichnet oder nicht (Mattauch and Siegmeier 2015). Sollte er sein Zukunftsszenario als ein “First-Best” ansehen, so wäre dies allein argumentativ fragwürdig und auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, unter anderem der des IPCC, weiter anzuzweifeln. Denn die politischen Hindernisse, wie mangelnde globale Kooperation, bleiben ja nicht notwendigerweise für die nächsten Jahrzehnte bestehen. Eine Steigerung der Energie- und CO2-Effizienz, verbunden mit einigen Verhaltensänderungen (im Sinne von Konsummustern etc.) könnten den CO2-Ausstoß auf einem 2°C-Ziel-konformen Niveau halten, ohne dabei das wirtschaftliche Wachstum zu senken (IPCC 2014). Bezüglich des finanziellen Aspekts der “first-best”-Analyse stellen (Jakob and Edenhofer 2014) darüber hinaus fest, dass gegenwärtig die Kosten technologischer Mittel zur CO2-Minderung im Vergleich zu denen durch pauschales Schrumpfen der Wirtschaftsleistung mindestens 10 mal geringer wären. Sollte Jackson in seiner Argumentation hingegen von einer “second-best”-Analyse der Vergangenheit auf eine “second-best”-Prognose der Zukunft schließen, so ist dennoch zu prüfen, ob pauschales Schrumpfen die dann zusätzlich berücksichtigten institutionellen Widerstände besser als herkömmliche Umweltpolitik überwinden kann. Auf verschiedenen Ebenen treten zahlreiche Barrieren auf. Neben der mangelnden internationalen Bereitschaft zur Kooperation seien beispielhaft internationale Divergenzen wie Wohlstandsgefälle und fehlende oder mangelhafte Institutionen zur Umsetzung von Maßnahmen genannt, ebenso die Ablehnung entscheidender CO2-Ausstoß-reduzierender Technologien, wie der unterirdischen Speicherung von CO2. Es bleibt daher unklar, warum die Strategie einer Schrumpfung der Wirtschaft diese Hindernisse besser überwinden könnte als spezifische Politikmaßnahmen, welche die genannten institutionellen und gesellschaftlichen Barrieren adressieren könnten (IPCC 2014). Alle genannten Barrieren beschleunigen nicht nur den momentanen Klimawandel, sondern würden gleichfalls auch einem global durchzusetzenden Schrumpfen entgegenstehen. Zusammenfassend können wir festhalten, dass Jackson durchaus richtige Beobachtungen geleistet hat, allerdings die Forderung zur pauschalen Schrumpfung nicht notwendigerweise folgt. Es können durchaus andere Schlussfolgerungen getroffen werden.

Anstatt einer pauschalen wäre zum Beispiel eine Schrumpfung bestimmter CO2-intensiver Wirtschaftszweige nötig, gerade bei eingeschränkter politischer Verfügbarkeit von CO2-armen Technologien. Als Beispiele kann man hier den hohen Fleischkonsum (vgl. O. Edenhofer et al. 2014) oder den Flugverkehr (vgl. Sims et al. 2014) nennen, welche CO2-intensiv und gleichzeitig schwer zu dekarbonisieren sind. Die Effizienz der Schrumpfung wäre dadurch erheblich gesteigert, da nur die Unternehmen der Sektoren mit dem höchsten CO2-Ausstoß pro Wertschöpfung betroffen wären. Zusätzlich könnten bereits effizient funktionierende Systeme weiterhin erhalten bleiben. Verzichtet man zudem auf den unnötigen Abbau von effizienten Kapazitäten, so können diese auch zur Finanzierung der weiteren Entwicklung CO2-armer Technologien herangezogen werden. Auch die zeitliche Komponente, so denken wir, ist von erheblicher Bedeutung. Ein pauschales Schrumpfen würde wahrscheinlich mit einem massiven Wertewandel in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft einhergehen müssen. Ein vermehrter Einsatz von erneuerbaren Energien oder der Bepreisung von CO2 scheint uns deutlich zügiger realisierbar Außerdem wäre eine pauschale Schrumpfung gerade über die beim Klimawandel nur mäßig bedeutsame, nationalstaatliche Ebene hinaus wohl kaum durchsetzbar. Denn wir stehen vor der Situation, dass in Entwicklungs- und Schwellenländern momentan eine sehr deutliche Bestrebung zu wirtschaftlicher Entwicklung und dem Erwerb von Wohlstand vorliegt. Ein Modell, welches gleichzeitig wirtschaftliches Wachstum in bestimmten Bereichen und Schonung der Umwelt durch Schrumpfung anderer Bereiche vorsieht, wird in diesem Kontext eher globale Unterstützung erfahren können. Zusätzlich kann der Transfer von grüner Technologie armen Ländern helfen, eine flächendeckendere Energieversorgung herzustellen und gleichzeitig die Abhängigkeit von zu importierenden Energieträgern vermindern.

Alles in allem lässt sich festhalten: Die Schwierigkeiten einer Eindämmung des CO2-Ausstoßes bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum sind enorm. Allerdings bleibt zu bezweifeln, dass ein pauschales Schrumpfen der gesamten Wirtschaft, wie Jackson es fordert, zwingend besser zum Erfolg führt als konventionelle Klimapolitik, nämlich die Bepreisung von CO2, unterstützt von der Förderung klimafreundlicher Technologien. Zumindest aus diesem Grund müssen wir also nicht pauschal schrumpfen.



Literatur

Clarke, L., K. Jiang, K. Akimoto, M. Babiker, G. Blanford, K. Fisher-Vanden, J.-C. Hourcade, et al. 2014. “Assessing Transformation Pathways.” In Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change. Contribution of Working Group III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, edited by O. Edenhofer, R. Pichs-Madruga, Y. Sokona, E. Farahani, S. Kadner, K. Seyboth, A. Adler, et al. Cambridge University Press.

Edenhofer, O., R. Pichs-Madruga, Y. Sokona, S. Kadner, J. C. Minx, S. Brunner, S. Agrawala, et al. 2014. “Technical Summary.” In IPCC 2014 WG3 Technical Summary in: Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change. Contribution of Working Group III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, Chapter 3.2.6, edited by O. Edenhofer, R. Pichs-Madruga, Y. Sokona, E. Farahani, S. Kadner, K. Seyboth, A. Adler, et al. Cambridge University Press.

IPCC. 2014. “Summary for Policymakers.” In Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change. Contribution of Working Group III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, edited by O. Edenhofer, R. Pichs-Madruga, Y. Sokona, E. Farahani, S. Kadner, K. Seyboth, A. Adler, et al. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom; New York, NY, USA.

Jackson, Tim. 2009. “Prosperity Without Growth: Economics for a Finite Planet.” In. Sustainable Development Commission.

Jakob, Michael, and Ottmar Edenhofer. 2014. “Green Growth, Degrowth, and the Commons.” Oxford Review of Economic Policy 30 (3). Oxford Univ Press: 447–68.

Joomla. 2015. “Annual Data/Atmospheric CO2.” http://co2now.org/current-co2/co2-now/annual-co2.html.

Keeling, R. F., S. C. Piper, A. F. Bollenbacher, and S. J. Walker. 2015. “Atmospheric Carbon Dioxide Record from La Jolla Pier, California, U.S.A.” U.S. Department of Energy, Oak Ridge, Tenn., U.S.A. Accessed October 18. http://cdiac.ornl.gov/trends/co2/sio-ljo.html.

Mattauch, Linus, and Jan Siegmeier. 2015. “Wohlfahrt Ohne Wachstum? – Eine Kritische Analyse Der Wachtumskritik, Vortrag in Der Ringvorlesung ‘Postwachstumsökonomie’, TU Dresden.”

Sims, R., R. Schaeffer, F. Creutzig, X. Cruz-Núñez, M. D’Agosto, D. Dimitriu, M.J. Figueroa Meza, et al. 2014. “Transport.” In Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change. Contribution of Working Group III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, edited by O. Edenhofer, R. Pichs-Madruga, Y. Sokona, E. Farahani, S. Kadner, K. Seyboth, A. Adler, et al. Cambridge: Cambridge University Press.

United Nations, 9th Framework Convention on Climat Change. 2011. “Report of the Conference of the Parties on Its Sixteenth Session, Held in Cancun from 29 November to 10 December 2010.” http://unfccc.int/resource/docs/2010/cop16/eng/07a01.pdf.