Müssen wir Wachstum aufgeben?

Endliche Ressourcen - ein Problem?

Von Daniel Weishaar

Viele Wachstumskritiker halten ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum vor allem aufgrund der begrenzten physikalischen Ressourcen für nicht realisierbar. So schreiben zum Beispiel die populären Wachstumskritiker Niko Paech und Werner Onken auf ihrer Internetseite zur Postwachstumsökonomie:

Wirtschaftswachstum stößt an ökonomische Grenzen. Das als “Peak Oil” apostrophierte Phänomen einer zu erwartenden Ressourcenverknappung weitet sich absehbar dergestalt aus, dass von einem herannahenden “Peak Everything” auszugehen ist. (Paech and Onken 2015)

Nachvollziehbare Belege oder empirische Untersuchungen zur Bestätigung dieser These liefern Paech und Onken jedoch nicht. Wie bereits im vorherigen Abschnitt dargelegt, spielt die natürliche Begrenzung der globalen fossilen Ressourcen-Vorräte (z.B. von Kohle, Erdöl und Erdgas etc.) mit Blick auf das Problem der Endlichkeit des atmosphärischen Deponierraums für Treibhausgase ohnehin eine untergeordnete Rolle. Nichtsdestotrotz braucht es in Politik und der Volkswirtschaftslehre eine berechtigte auf empirischen Studien aufbauende Debatte um begrenzte Ressourcen und deren Implikationen für die Weltwirtschaft. Es stellt sich die zentrale Frage, ob die starke Abhängigkeit der Wirtschaft von diesen endlichen Rohstoffen uns mit Blick auf vermutliche Preissteigerungen zum temporären Schrumpfen zwingt, um Wirtschaftskrisen vorzubeugen.

Soziale und wirtschaftliche Auswirkungen eines steigenden und volatilen Ölpreises

Nach der Peak Oil-Theorie wird die globale Ölproduktion durch eine glockenförmige Kurve beschrieben, deren Höhepunkt (Peak) im Jahr 1956 von dem US-amerikanischen Geowissenschaftler Marion King Hubert auf die 1970er Jahre geschätzt wurde (Hubbert 1956). Peak Oil bezeichnet allgemein den Zeitpunkt, an dem die Ölförderrate der Welt ihren Höhepunkt erreicht. Trotz der frühen konzeptionellen Entwicklung und der Bestätigung des theoretischen Modells in späteren Studien ist sie in der breiten Öffentlichkeit nur wenig bekannt. Doch obwohl der aktuelle vergleichsweise niedrige Ölpreis (ca. 60 Dollar pro Barrel = 119 Liter, oil-price.net 2015) auf den ersten Blick keine Hinweise auf einen Peak erkennen lässt, besteht ein genereller Konsens darüber , dass wir den Peak im Bereich des konventionellen Erdöls bereits hinter uns haben. So geht eine Studie des Netzwerks Energy Watch Group aus dem Jahr 2013 davon aus, dass der Peak Oil schon im Jahr 2013 erreicht wurde (Energy Watch Group 2013, 47). Diese Berechnungen schließen die Förderung unkonventionellen Öls wie Schweröl, Teersande, Ölschiefer, Ölsand, Tiefseeöl, Polaröl und Flüssiggas bereits mit ein. Zu abweichenden Prognosen kommt die Internationale Energieagentur IEA. So sieht sie das globale Ölfördermaximum nicht vor 2035 (International Energy Agency 2010, 81) Diese Studien zeigen beispielhaft, wie schwierig sich eine präzise zeitliche Vorhersage des Peaks gestaltet, obwohl ein konzeptioneller Konsens über die Idee des Peak Oil besteht. Neben abweichenden Interessenlagen beeinflussen zudem die unterschiedlichen Prognosen neuer Extraktionsmethoden (Fracking etc.) und unkonventioneller Förderarten die Berechnungen. Nichtsdestotrotz erweist sich ein Peak Oil in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts als sehr wahrscheinlich (Allmendinger 2007). Das Problem resultiert aus der unpräzisen Begriffsdefinition im öffentlichen Diskurs, welcher durch die unterschiedliche Einbeziehung verschiedener Förderarten und verschiedener fossiler Rohstoffe sowie durch die Assoziation des Begriffs mit pessimistischen apokalyptischen Endzeitvorstellungen zustande kommt (Bardi 2009).

Wie Beispiele aus der Vergangenheit zeigen (Erste Ölpreiskrise im Rahmen des Jom-Kippur-Krieges 1973, zweite Ölpreiskrise durch Verunsicherung der Iranischen Revolution 1979, kurzfristiger Schock durch den zweiten Golfkrieg 1990, Höchstmarke des Ölpreises 2008) sind steigende Ölpreise im Rahmen von Energiekrisen und allgemeiner wirtschaftlicher Rezession oft mit einem hohen Risiko für Volkswirtschaften verbunden (Hamilton 2011). Unabhängig von der großzügigen Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe im Vergleich zum knappen atmosphärischen Deponierraum, sind negative ökonomischen Auswirkungen eines stark steigenden und schwankenden Ölpreises im Nachgang eines Peak Oil durchaus zu betrachten. Öl spielt nicht nur im Energiesektor eine zentrale Rolle: 95% aller industriell gefertigten Produkte sind in ihrer Herstellung oder Lieferkette von der Ressource Öl abhängig. (Bundeswehr 2011). Öl wird als Komponente unter anderem in der Landwirtschaft zur Herstellung von Düngern, bei der Herstellung von chemischen Produkten und Plastikerzeugnissen, in der Fischerei, bei der Lebensmittelerzeugung und -verarbeitung, bei der Herstellung von Textilien und Metallen, sowie im Transportsektor verwendet (Kerschner et al. 2013)."

Sicherheitspolitische Auswirkungen eines steigenden Ölpreises

Diese Verwundbarkeit des Wirtschaftssystems wird verstärkt durch die geopolitische Dimension der Abhängigkeit von Öl.
Demnach wird in der Folge des Peak Oil neben den wirtschaftlichen Herausforderungen die politische Dimension knapper fossiler Ressourcen eine große Rolle spielen (Command 2010; United States Army 2008; Bundeswehr 2011). So werden nach Prognosen der Bundeswehr die Förderländer im internationalen System aufgewertet und der freie Ölmarkt durch konditionierte Lieferbedingungen und bilaterale Absprachen ersetzt, was zu einer weiteren strategischen Verknappung von Öl führt (Bundeswehr 2011).

Neben der Betrachtung der Vermeidung des Klimawandels scheint es folglich sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus politischer Sicht ratsam, sich aus strategischen Gründen von der Ressource Öl abzuwenden. Die starke Abhängigkeit der oben genannten Bereiche und ein resultierender Preisanstieg in diesen Sektoren bei einer Verknappung des Ölangebots könnte durchaus zu einer (unfreiwilligen) Verknappung weiterer Ressourcen und damit zu einer einstweiligen Schrumpfung dieser Sektoren führen. Auf der anderen Seite könnten stark abhängige Sektoren durch bestimmte strukturelle Maßnahmen, zum Beispiel durch den Wechsel von künstlichen zu natürlich hergestellten Düngemitteln, die Förderung ökologischer Landwirtschaft und einer zunehmenden Fokussierung auf lokales Wirtschaften, an Bedeutung verlieren (Kerschner et al. 2013) – ohne, dass dadurch die Gesamtwirtschaft schrumpft. Zudem sind freiwillige Pläne zur Reduzierung von Ressourcenverbrauch im Vorfeld denkbar. Der Zwang zum Schrumpfen besteht vor dem Hintergrund der Substituierbarkeit des Öls in vielen Bereichen jedoch nicht.

Schwierigkeiten beim Übergang zu Alternativen für die Ressource Öl

Die angesprochene Transformation zu Alternativen hängt allerdings stark von der Weitsichtigkeit der Märkte und dem Investitionsverhalten der öffentlichen Hand ab. So weisen viele Kritiker des Peak Oil darauf hin, dass der Preismechanismus dafür sorgen könnte, dass ein sanfter Übergang von Öl zu alternativen Ressourcen geschaffen werden könnte. Ein weicher Übergang ist allerdings mit Blick auf den volatilen, kurzfristig ausgerichteten Ölmarkt relativ unwahrscheinlich (Brandt, Plevin, and Farrell 2010). Auch wenn erneuerbare Energien zum Beispiel sehr vielversprechend sein mögen, sind sie bei weitem noch nicht so weit, die gesamte Weltnachfrage zu befriedigen (Bardi 2009). Eine gezielte Schrumpfung der gesamten Wirtschaft ist vor diesem Hintergrund allerdings nicht nötig. Vielmehr bedarf es starker politischer Maßnahmen und entschlossener Investitionen, um auf der einen Seite das Klima zu schützen und auf der anderen Seite die Abhängigkeit von teuren fossilen Ressourcen zu verhindern. Bei einer sehr kurzfristigen Transformation zu Alternativen scheint eine zeitweise unfreiwillige Schrumpfung der Wirtschaftskraft allerdings durchaus möglich.

Die Endlichkeit und begrenzte Substituierbarkeit mineralischer Ressourcen und seltener Erden

Im 21. Jahrhundert ist die Ressource Öl allerdings nur eine von einer Vielzahl an Ressourcen, deren Vorräte sich dem Ende neigen. Sowohl die Vorräte von Lithium und Kupfer (Peak ca. 2030, vgl Northey et al. 2014) als auch von Eisenerz und Phosphor (Peak ca. 2040) werden bei steigender Nachfrage bis zum Ende dieses Jahrhunderts voraussichtlich erschöpft sein - mit teils erheblichen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die Umwelt.

Ein konkretes Beispiel für die kritischen Auswirkungen von endlichen Ressourcen liefert Phosphor. Die Endlichkeit und die mangelnden Substitutionsmöglichkeiten des Nichtmetalls, welches vor allem für die Düngerproduktion verwendet wird, könnte ein globales Problem für die Lebensmittelversorgung werden, wie wissenschaftliche Modelle aufzeigen (Cordell and Neset 2013). 90 Prozent der steigenden globalen Nachfrage nach Phosphor ist für die Lebensmittelproduktion bestimmt (Smill 2000) und ein Peak des Materials gilt noch vor der Hälfte dieses Jahrhunderts als wahrscheinlich (Cordell and Neset 2013). Auch bei der Ressource Phosphor sind geopolitische Konsequenzen in Folge eines Peaks zu vermuten, da die Phosphor-Ressourcen in den Händen einiger weniger Länder (vor allem Marokko, China und USA) vorzufinden sind (Rosmarin 2004, 27–31). Dennoch liegt die Lösung des Problems der Endlichkeit dieser Ressource ebenfalls nicht bei einer pauschalen Schrumpfung, weil wir bei einer wachsenden Bevölkerung zwangsläufig mit einer erhöhten Nahrungsmittelproduktion rechnen müssen. Vielmehr scheint die Ausschöpfung des großen Potentials der (Wieder-)Gewinnung von Phosphor aus Ernterückständen, Abfällen der Lebensmittelverarbeitung und tierischen und menschlichen Exkrementen (Drangert 1998) bei gleichzeitiger Erhöhung der landwirtschaftlichen Effizienz (Johnston 2000) und (ökonomischen) Anreizen für Lebensmittlel aus phosphorarmer Herstellung eine adäquate mögliche Lösung des Problems der endlichen Ressource Phosphor. Vor allem die dezentrale Verfügbarkeit macht solche Lösungen als Alternative für die Phosphor-Gewinnung aus der Erde attraktiv (Cordell and Neset 2013: 300).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine pauschale Schrumpfung der Wirtschaft kaum ein adäquates politisches Mittel darstellt, um Wirtschafts- oder im Fall von Phosphor Hungerkrisen, die möglicherweise in Verbindung mit Rohstoffknappheit und Preissteigerungen entstehen, zu lösen. Das Augenmerk sollte vielmehr auf einer langfristig orientierten Erhöhung der wirtschaftlichen Resilienz liegen. Darüber hinaus gibt es trotz der unumstrittenen Wichtigkeit der behandelten Ressourcen keine vermehrten wissenschaftlichen Belege dafür, dass ein Mineral so essentiell für die Wirtschaft ist, dass dessen Endlichkeit das zukünftige Wirtschaftswachstum einschränken würde. Die obige Darstellung für den Rohstoff Phosphor zeigt dies beispielhaft auf.



Literatur

Allmendinger, R. W. 2007. “Peak Oil?” http://www.geo.cornell.edu/eas/energy/the_challenges/peak_oil.html.

Bardi, Ugo. 2009. “Peak Oil: The Four Stages of a New Idea.” Energy 34 (3). Elsevier: 323–26.

Brandt, Adam R., Richard J. Plevin, and Alexander E. Farrell. 2010. “Dynamics of the Oil Transition: Modeling Capacity, Depletion, and Emissions.” Energy. Elsevier.

Bundeswehr. 2011. “Peak Oil Sicherheitspolitische Implikationen Knapper Ressourcen.” Dezernat Zukunftsanalyse des Planungsamtes der Bundeswehr.

Command, Joint Forces. 2010. “The Joint Operating Environment (JOE).” -. United States Joint Forces Command, Suffolk.

Cordell, D., and T.-S.S. Neset. 2013. “Phosphorus Vulnerability: A Qualitative Framework for Assessing the Vulnerability of National and Regional Food Systems to the Multi- Dimensional Stressors of Phosphorus Scarcity.” Global Environmental Change. Elsevier.

Drangert, J-O. 1998. “Fighting the Urine Blindness to Provide More Sanitation Options.” Water SA 2.

Energy Watch Group. 2013. “Fossile Und Nukleare Brennstoffe – Die Künftige Versorgungssituation.” -. Energy Watch Group.

Hamilton, J.D. 2011. “Historical Oil Shocks.” National Bureau of Economic Research, San Diego. http://www.nber.org/papers/w16790.

Hubbert, Marion King. 1956. “Nuclear Energy and the Fossil Fuels.” -. Shell Development Company.

International Energy Agency. 2010. World Energy Outlook. IEA Publications.

Johnston, A.E. 2000. “Soil and Plant Phosphor.” International Fertilizer Industry Association.

Kerschner, Christian, Christina Prell, Kuishuang Feng, and Klaus Hubacek. 2013. “Economic Vulnerability to Peak Oil.” Global Environmental Change 23 (6). Elsevier: 1424–33.

Northey, S, S Mohr, GM Mudd, Z Weng, and D Giurco. 2014. “Modelling Future Copper Ore Grade Decline Based on a Detailed Assessment of Copper Resources and Mining.” Resources, Conservation and Recycling 83. Elsevier: 190–201.

oil-price.net. 2015. “Crude Oil and Commodity Prices.” http://oil-price.net.

Paech, Niko, and Werner Onken. 2015. “Grundzüge Einer Postwachstumsökonomie.” June 15. http://www.postwachstumsoekonomie.org/html/paech_grundzuge_einer_postwach.html.

Rosmarin, A. 2004. “The Precarious Geopolitics of Phosphorous.” Down to Earth: Science and Environment Fortnightly.

Smill, V. 2000. Feeding the World: A Challenge for the 21st Century. The MIT Press, Cambridge.

United States Army. 2008. “Army Modernization Strategy.” United States Army. http://www.army.mil/article/12077/.