Wollen wir Wachstum aufgeben?

Wirtschaftswachstum und Glück - eine empirische Analyse

Von Franziska Funke

Viele Postwachstumsökonomen stehen der Intuition, dass mehr Wohlstand auch zu einem glücklicheren Leben führt, kritisch gegenüber und postulieren eine Abkehr von Konsum und Wachstum zur vermeintlichen Mehrung des Glücks. Tatsächlich sollte es unter der Prämisse, dass Wirtschaftswachstum als Mittel betrachtet wird um ein übergeordnetes Ziel gesellschaftlicher Wohlfahrt zu erreichen und dass Glück ein Ziel für Gesellschaften sein könnte, politisch nicht länger ein Ziel sein, Wirtschaftswachstum zu fördern, wenn dadurch Glück und Lebenszufriedenheit der Menschen nicht eindeutig ansteigen. Im Folgenden wird an Hand empirischer Erkenntnisse der Glücksforschung untersucht, wie Wachstum und Glück korrelieren. Kann die These der Wachstumskritiker “Wirtschaftswachstum macht die Menschen nicht glücklicher” bestätigt werden?

In der Glücksforschung unterscheidet man zwei Formen des subjektiven Wohlbefindens (“Glück”): Affektives Glück beschreibt die emotionale Güte einer individuell erlebten Erfahrung. Lebenszufriedenheit gleicht im Gegensatz dazu einer reflektierten Einschätzung des gesamten Lebens eines befragten Individuums (Kahneman and Deaton 2010). Die Erhebung empirischer Daten geschieht in der Glücksforschung über Befragungen, wobei die Subjektivität der Erhebungen häufig als Problem thematisiert wird. Neue Methoden wie Kahnemans “Day Reconstruction Method” steigern die intersubjektive Vergleichbarkeit zumindest im Falle des affektiven Glücks, indem die Zeitspanne zwischen Erlebnis und Befragung möglichst minimiert wird und so kaum ergebnisverzerrende Framingeffekte einsetzen können (Kahneman et al. 2004). Mittlerweile gilt die Glücksforschung als anerkannte Wissenschaft und wird empirisch immer verlässlicher (Layard 2011). Um die Bedeutung des Wirtschaftswachstums für das subjektive Wohlbefinden der Menschen zu ergründen, bietet es sich an, im Folgenden die Korrelationen des Wirtschaftswachstums mit affektivem Glück und Lebenszufriedenheit für Individuen und Gesellschaften zu betrachten.

Kahneman and Deaton (2010) haben die Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und affektivem Glück bei Individuen entlang einer Einkommensverteilung untersucht. So wird ein signifikanter Effekt einer Einkommenserhöhung auf das affektive Glück eines Individuums nur bis zu einem Einkommen von rund 75 000 US-Dollar festgestellt. Im Falle der Lebenszufriedenheit wird über alle Einkommensklassen hinweg eine positive Korrelation von Wirtschaftswachstum und Lebenszufriedenheit festgestellt (Kahneman and Deaton 2010). Das tägliche Wohlbefinden der Menschen verbessert sich also ab einem gewissen Einkommen nicht mehr, wohl aber die Evaluation des Lebens und der finanziellen Sicherheit.

Bereits 1974 betrachtete Richard Easterlin die Korrelation zwischen Wachstum und Lebenszufriedenheit im Ländervergleich. Wie Kahneman and Deaton (2010) bestätigten, hatte auch damals das Einkommen im Querschnitt der Bevölkerung eines Landes einen signifikanten Effekt auf die Lebenszufriedenheit: reiche Menschen sind “glücklicher”. Betrachtete man jedoch den Ländervergleich und Zeitreihen mit einem Umfang von 10-12 Jahren, so erschienen die Effekte des Einkommens auf die Lebenszufriedenheit marginal. Dieser Gegensatz ist der Gehalt des sogenannten “Easterlin-Paradoxon”, das in Fachkreisen weit diskutiert wird. Stimmen die Erkenntnisse, so steigern nur relative Einkommenserhöhungen innerhalb einer Gesellschaft die Zufriedenheit der Menschen, nicht aber absolute (Sacks, Stevenson, and Wolfers 2012). Unter der Prämisse, dass Glück im Sinne von Lebenszufriedenheit der Maßstab für Wohlfahrt ist, stellt diese Erkenntnis das Wachstumsparadigma fundamental in Frage. Kritiker Easterlins zweifeln besonders seine Datengrundlage und den vergleichsweise geringen Stichprobenumfang an. Mit Daten der World Value Survey verweisen etwa Sacks, Stevenson, and Wolfers (2012) in ihren Studien auf wohl doch signifikante Effekte absoluter Einkommenssteigerungen im Ländervergleich und erhalten sogar quantitativ ähnliche Zusammenhänge zwischen Einkommen und Lebenszufriedenheit im nationalen, länderübergreifenden und langfristigen Vergleich. Easterlin verteidigt seine Ergebnisse und sieht die Abweichungen von seinem Paradoxon in der Betrachtung einer zu kurzen Zeitspanne begründet (Easterlin et al. 2010). Also bleiben die verschiedenen Ergebnisse der Zeitreihenanalyse von Einkommen und Lebenszufriedenheit auch mit der heutigen Datenlage umstritten. Die Aggregation nationenübergreifender Daten in einem so jungen Wissenschaftszweig wie der Glücksforschung lässt sich als Basis für verlässliche qualitative Ergebnisse leicht anzweifeln. Es bleibt also abzuwarten, wie zukünftige Studien den fachlichen Streit um das Easterlin-Paradoxon bewerten werden.

Die Verhaltensökonomie bietet auf der Mikro-Ebene Erklärungsansätze für den zweifelhaften Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Glück. Verhaltenswissenschaftler beobachten signifikante Diskrepanzen zwischen den Wahloptionen, die das individuelle Glück mehren, und den Optionen, die Individuen wirklich wählen. Damit bestätigen sie empirisch, dass Menschen nicht immer konsistente und rationale Entscheidungen treffen. Entscheidungsinkonsistenzen beruhen dabei darauf, dass die Vorhersage über den Nutzen der Option verzerrt ist, und dass Individuen in Entscheidungssituationen manchmal ihren eigenen Vorhersagen nicht folgen, sondern aus einer Impulshaftigkeit heraus andere Optionen vorziehen (Hsee and Hastie 2006).

Viele Wachstumskritiker beziehen sich auf Easterlins Aussage, dass Wirtschaftswachstum nicht zu einer Steigerung der Lebenszufriedenheit der Menschen beiträgt. Die Politikempfehlung, die manche daraus ableiten – Wirtschaften pauschal zu schrumpfen – beinhaltet jedoch die Prämisse “Kein Wachstum macht die Menschen nicht unglücklicher”. Selbst wenn man diejenigen Studien allein betrachtet, die die Korrelation zwischen Lebenszufriedenheit und Wirtschaftswachstum anzweifeln, ließe sich daraus nicht ableiten, dass eine pauschale Schrumpfung oder Stagnation der Wirtschaft und deren Folgen nicht mit erheblichen Rückgängen in Zufriedenheit einhergingen. Auch wenn der direkte monetäre Effekt des Einkommens auf die langfristige Lebenszufriedenheit der Menschen wenigstens umstritten ist, so ergeben sich andere sozioökonomische Faktoren, die im Nationenvergleich mit Glück korrelieren und von weiterführendem Interesse sein könnten. Das können zum Beispiel der Grad an Gleichheit, sozialstaatlicher Versorgung oder sozialem Vertrauen in einer Gesellschaft sein (Layard 2011). Diese Faktoren lassen sich wahrscheinlich durch eine fokussierte Wirtschaftspolitik besser fördern als durch pauschales Wirtschaftswachstum. Ob diese für das Glück der Menschen relevanten Faktoren jedoch trotz eines Verzichts auf Wachstum in gleichem Maße gefördert werden können, bleibt zu bezweifeln.

Neben der Glücksforschung zeigen weitere Zweige der Sozialpsychologie Alternativen zur neoklassischen Wohlfahrtsmessung auf. Bedeutung könnte so ein weiteres intrinsisches Ziel sein, das Menschen in ihrem Leben anstreben, das deswegen eine politische Förderung legitimiert und dessen Zusammenhang mit Wirtschaftswachstum zu untersuchen ist. In der positiven Psychologie hat sich die aristotelische Unterscheidung zwischen Glück und dem guten und bedeutungsvollen Leben (eudaimonia) etabliert. Dass Glück (als emotionales Wohlergehen) und Bedeutung sich unterscheiden, spiegelt sich in den Phänomenen eines bedeutungsvollen aber unglücklichen Lebens sowie eines bedeutungslosen aber glücklichen Lebens wieder. Stress, Sorge und auch die Kindererziehung korrelieren negativ mit affektivem Glück, werden von Individuen aber immer wieder positiv als bedeutungsvoll evaluiert. Verfechter der Bedeutung betonen, dass das kulturelle Streben nach Bedeutung den menschlichen Charakter ausmacht und einen höheren gesellschaftlichen Mehrwert verspricht als die animalisch anmutende Befriedigung natürlicher materieller Bedürfnisse, die sie mit Glück assoziieren (Baumeister et al. 2013). Was sagt nun die Bedeutungsforschung zum Wirtschaftswachstum? In empirischen Befragungen haben Individuen in ärmeren Ländern höhere Werte im Bereich Bedeutung angegeben als in reicheren Ländern. Während die Wirtschaftskraft eines Landes mit der Lebenszufriedenheit positiv korreliert, gibt es sogar eine negative Korrelation mit Bedeutung (Oshi and Diener 2014). In der Studie wird besonders auf den Erklärungsfaktor “Religiosität” verwiesen, der negativ mit der wirtschaftlichen Kraft eines Landes korreliert ist und für einen großen Teil der Varianz der Bedeutung verantwortlich ist. Würde man Bedeutung in die Evaluation gesellschaftlicher Wohlfahrt integrieren, tritt das Wirtschaftswachstum also als Mittel weiter in den Hintergrund.

Zusammenfassend deuten die empirischen Erkenntnisse der Glücksforschung darauf hin, dass das affektive Glück der Menschen ab einem bestimmten Grad nicht signifikant mit dem Wirtschaftswachstum korreliert. Die These “Wirtschaftswachstum macht die Menschen nicht glücklicher” kann im Falle des affektiven Glücks also angenommen werden. Für die Lebenszufriedenheit ergibt sich ein in Fachkreisen breit diskutiertes Paradoxon: Während kurzfristig auf nationaler Ebene eine statistische Evidenz für den positiven Effekt eines höheren Einkommens auf die individuelle Lebenszufriedenheit vorliegt, sind Korrelationen im Ländervergleich und in der langen Frist umstritten (Easterlin et al. 2010; Sacks, Stevenson, and Wolfers 2012) und bedürfen weiterer Forschung sowie einer kritischen Würdigung durch die Glücksforschung. Nimmt man Glück als intrinsisches Ziel für eine Gesellschaft an, ließe sich aus den Daten die Schlussfolgerung treffen, dass Wirtschaftswachstum im Sinne monetärer Einkommenssteigerungen wahrscheinlich lange in seiner wirtschaftspolitischen Wirkung auf das Glück überschätzt wurde. Jedoch ergibt sich daraus nicht automatisch ein logisches Argument zu Gunsten der Schrumpfung oder Stagnation, da die These “Kein Wachstum macht die Menschen nicht unglücklicher” nicht belegt wurde. Zudem hängt es offenbar maßgeblich von immateriellen Gegebenheiten ab, ob Mitglieder einer Gesellschaft ein hohes Maß von Bedeutung erleben und nicht vom Wirtschaftswachstum. Ebenso entscheidend für eine Bewertung, ob weiteres Wirtschaftswachstum wünschenswert ist, bleibt jedoch am Ende die Frage, welchen normativen Standpunkt wir einer Wirtschaftspolitik zu Grunde legen wollen: ob also die Erfüllung von Präferenzen oder aber die Steigerung der Lebenszufriedenheit, des affektiven Glücks oder der Bedeutung Ziel wirtschaftspolitischen Handelns sein soll.



Literatur

Baumeister, Roy F, Kathleen D Vohs, Jennifer L Aaker, and Emily N Garbinsky. 2013. “Some Key Difference Between a Happy Life and a Meaningful Life.” The Journaltitle of Positive Psychology 8 (6). Taylor & Francis: 505–16.

Easterlin, Richard A, Laura A McVey, Malgorzata Switek, Onnicha Sawangfa, and Jacqueline Smith Zweig. 2010. “The Happiness-Income Paradox Revisited.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 107 (52). National Academy of Sciences of the United Stated of America: 22463–8.

Hsee, Christopher K, and Reid Hastie. 2006. “Decision and Experience: Why Don’t We Choose What Makes Us Happy?” Trends in Cognitive Sciences 10 (1). Elsevier: 31–37.

Kahneman, Daniel, and Angus Deaton. 2010. “High Income Improves Evaluation of Life but Not Emotional Well-Being.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 107 (38). National Academy of Sciences of the United States of America: 16489–93.

Kahneman, Daniel, Alan B Krueger, David A Schkade, Norbert Schwarz, and Arthur A Stone. 2004. “A Survey Method for Characterizing Daily Life Experience: The Day Reconstruction Method.” Science 306 (5702). American Association for the Advancement of Science: 1776–80.

Layard, R. 2011. Happiness: Lessons from a New Science (Second Edition). Penguin.

Oshi, Shigehiro, and Ed Diener. 2014. “Residents of Poor Nations Have a Greater Sense of Meaning in Life Than Residents of Wealthy Nations.” Psychological Science 25 (2). Association for Psychological Science: 422–30.

Sacks, Daniel W, Betsey Stevenson, and Justin Wolfers. 2012. “The New Stylized Facts About Income and Subjective Well-Being.” Discussion Paper Series, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, no. 7105.