Wollen wir Wachstum aufgeben?

Zu normativen Grundlagen von Wirtschaftspolitik

Von Frithjof Gressmann

Eine naheliegende Art, sich mit der Zweckmäßigkeit einer Wirtschaftsordnung auseinanderzusetzen, wird durch die Frage angetrieben, ob es ihr letztlich gelingt, Glück und Bedeutung der Gesellschaft zu mehren. Eine solche Perspektive fragt, was mit »Glück« und »Bedeutung« gemeint sein kann, inwiefern es sich messen und vergleichen lässt, und ob dabei zwischen individuellen und gesamtgesellschaftlichen Glück unterschieden werden muss. Die Beantwortung dieser bereits im vorherigen Abschnitt diskutierten Fragestellung zielt auf eine empirische Theorie über das ab, was Menschen in einem messbaren Sinne glücklich oder unglücklich macht. Im Beispiel der Analyse Richard Easterlins führt es zu der Aussage, dass höheres Einkommen nicht automatisch einen Glückszuwachs impliziert (vgl. Abschnitt über empirische Fragen).1

In der Postwachstum-Debatte werden solche empirischen Befunde dann häufig zum Argument gegen wachstumsbasierte Wirtschaftsysteme gewendet: Wenn die auf Einkommenssteigerung ausgerichtete Wachstumspolitik letztlich nicht zu einem Glückszuwachs der Menschen führt, verfehlt sie den eigentlichen Zweck einer Wirtschaftsordnung und sollte, so ein gängiger Schluss, vom Wachstumsparadigma ablassen.

Es ist wichtig festzustellen, dass solche Überlegungen zwar an die eingänglichen empirischen Fragestellungen anknüpfen, allerdings von grundlegend anderer Art sind. Denn um aus dem bloßen Befund Easterlins ein Argument gegen Wachstumswirtschaft zu machen, wird neben dem untersuchten Sachverhalt eine normative Annahme darüber benötigt, was der eigentliche Zweck unserer Wirtschaft sein soll.2 Neben den empirischen Streitpunkten erster Art, die die Debatte um Postwachstum begleiten, lässt sich also auch hinterfragen, was sich Wirtschaftspolitik überhaupt zum eigentlichen Ziel setzen sollte. Oder anders formuliert: Unter welchem Ideal wir die von Easterlin und anderen untersuchten faktischen Verhältnisse unserer Wirtschaftsordnung beurteilen wollen.

Der Standardansatz der Ökonomik hat als ein solches Ziel der Wirtschaftsordnung den Begriff der ökonomischen Wohlfahrt geprägt und Mechanismen erforscht, mit denen die Wohlfahrt als aggregierter Nutzen der Wirtschaftsteilnehmer durch Tausch materieller und immaterieller Güter maximiert werden kann. Was auch immer Menschen wählen, erhöht ihren Nutzen. Als entscheidendes Ziel der Politik, wird daher die Erfüllung der Präferenzen der Individuen vorausgesetzt. Die normative Position dieses Ansatzes ist die des Präferenzutilitarismus und kann als eine liberale Konzeption von Wohlfahrt eingeordnet werden, die annimmt, dass Menschen in die Lage versetzt werden sollen zu erreichen, was sie haben wollen. Was das Richtige ist, entscheidet sich dann in dem, was die Menschen wählen.

Die liberale Position hat den Vorteil, dass sie sich auf keine konstruktive Definition eines höchsten Gutes einigen muss, um das es in der Politik eigentlich gehen soll. Das Ziel ist allein die Schaffung von Rahmenbedingungen, in denen beliebige Güter erlangt werden können. Dies mag ein Grund dafür sein, dass der liberale Standpunkt in der ökonomischen Forschung seit jeher einen großen Anklang findet. Die Tatsache, dass in der liberalen Konzeption somit völlig offen bleibt, was richtig ist, gibt allerdings auch Anlass, an der Plausibilität dieser Position zu zweifeln. Nimmt man die Prämisse des Liberalismus ernst, steigt die Wohlfahrt einer Gesellschaft, wenn durch ein umfassenderes Lebensmittelangebot Übergewicht und Bewegungsarmut zunehmen. Zugespitzt erhöht sich die gesellschaftliche Wohlfahrt selbst dann, wenn der Bau eines Kasinos Spielesüchtigen die Möglichkeit eröffnet, ihrer Spielpräferenz nachzugehen.3 Viele Autoren haben vor diesem Hintergrund zudem auf die prinzipielle Schwierigkeit der liberalen Position hingewiesen, den Präferenzbegriff konsistent und adequat zu definieren, da Menschen immer wieder scheitern, ihre eigentlichen Präferenzen zu erfüllen (vgl. Kahneman 2011; Ariely 2009; Bernheim and Rangel 2007). Diese und andere Beispiele wecken somit Zweifel, dass das liberale Prinzip tatsächlich zuverlässig die Werte erfasst, die unsere Wirtschaftspolitik begründen sollte.

Auch das Easterlin-Argument der Wachstumskritiker formuliert eine Variante dieses Zweifels und bestreitet, dass ein bloßes Mehr an Einkommen tatsächlich erhöht, was wir unter Wohlfahrt eigentlich verstehen. Denn es erscheint plausibel anzunehmen, dass vom Zusatzeinkommen erworbene Lebensmittel nicht mehr im eigentlichen Interesse der Käufer liegen, wenn sie zu Übergewicht und Bewegungsmangel führen. Ein normativer Standpunkt, indem sich diese Intuition fassen lässt, ist die Auffassung, dass es in der Wirtschaftspolitik letztlich doch um einen höchsten Wert gehen sollte: nämlich um das gesellschaftliche Glück4. Der Politik geht es in dieser durch Jeremy Bentham (vgl. Harrison 2010, 167–94) begründeten Position dann nicht mehr um eine bedingungslose Erhöhung der Wahlmöglichkeiten, sondern um die Frage, wie wir wirtschaftliche Bedingungen schaffen können, die uns ein glückliches Leben ermöglichen.

Doch warum sollten wir ausgerechnet Glück zum Ziel unserer Politik machen? Richard Layard hat angeführt, dass der Grund, warum wir Glück vor allem anderem zum Ziel der Politik machen sollten, die unmittelbare Evidenz vom Glück als absolut guter Wert sei (Layard 2011, 113). Wenn wir fragen, warum wir nach Glück streben sollten, scheinen wir auf keine weiterführenden Gründe verweisen zu können. Es scheint schlicht selbst-evident zu sein, dass Glück ein ultimatives Ziel menschlichen Strebens ist.5 Liegt es also nahe, das größte Glück auch zum höchstem Zweck der Wirtschaftspolitik zu erklären?

Zunächst lässt sich bestreiten, dass sich für unser Streben nach Glück keine tiefergehenden Gründe anführen lassen. So können wir nach Glück streben, weil es gut für die Gesundheit und ein langes Leben ist (Fleurbaey and Blanchet 2013, 170). Zu klären ist dann allerdings, ob nicht vermeintliche Desiderate wie Gesundheit und ein langes Leben erst ihren erstrebenswerten Charakter erhalten, weil sie Bestandteil von Glück sind. So ergibt sich allerdings selbst unter der Vorraussetzung, dass Glück ein Gut von evident intrinsischem Wert ist, kein zwingender Schluss für Layards Argument (vgl. Fleurbaey and Blanchet 2013, 170). Denn wenn Glück zu besserer Gesundheit führt, kommt ihm ein indirekter Wert zu, ohne das folgen würde, das Glück nicht gleichzeitig auch um seiner selbst Willen erstrebenswert ist. Befördert nun aber eine Sache das individuelle oder gesellschaftliche Glück, lässt sich in analoger Weise nicht folgern, dass diese Sache nicht auch gleichzeitig um seiner selbst Willen erstrebenswert sein mag. Der Befund, dass alle Dinge nur als Mittel zum Zweck Glück ihren Wert erhalten, schließt also nicht aus, andere Dinge als Glück zum Zweck zu erheben.

Glück oder Bedeutung zum selbst-evidenten Ziel der Wirtschaftspolitik zu erklären, übergeht also vor allem die Einsicht, dass sich Menschen in gerechtfertigter Weise Ziele im Leben wählen können, mit denen es nicht ausschließlich um diese Werte geht.

Damit bleibt offen, welche normativen Kriterien in der Frage nach dem Zweck von Wirschaftspolitik letztlich in umfassender Weise plausibel sind und zum übergeordneten Ziel gewählt werden sollten. Zu diskutieren bleibt vor diesem Hintergrund auch, ob Easterlins Paradoxon nun wirklich ein Argument gegen wirtschaftliches Wachstum liefert. Doch kann dabei zumindest die Einsicht hilfreich sein, dass der von Wachstumskritikern aufgeworfene Diskurs in dargestellter Perspektive zu einem normativem Diskurs über fundamentale Grundwerte unserer Lebensführung gerät. Es könnte der Debatte zuträglich sein, diese Fragen dann nicht im Deckmantel eines ökonomischem Vokabulars und empirischer Forschung zu behandeln.



Literatur

Ariely, D. 2009. Predictably Irrational, Revised and Expanded Edition: The Hidden Forces That Shape Our Decisions. HarperCollins.

Bernheim, B Douglas, and Antonio Rangel. 2007. “Behavioral Public Economics: Welfare and Policy Analysis with Nonstandard Decision-Makers.” In Behavioral Economics and Its Applications, edited by Peter Diamond and Hannu Vartiainen, 7–77. Princeton University Press.

Fleurbaey, M., and D. Blanchet. 2013. Beyond GDP: Measuring Welfare and Assessing Sustainability. Oxford University Press.

Harrison, R. 2010. Bentham (Arguments of the Philosophers). Taylor & Francis.

Hume, David. 2001. A Treatise of Human Nature. Edited by David Fate Norton. Reprinted with corr. Oxford Philosophical Texts. Oxford Univ. Press.

Kahneman, D. 2011. Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus; Giroux.

Layard, R. 2011. Happiness: Lessons from a New Science (Second Edition). Penguin.

Schurz, G. 1997. The Is-Ought Problem: An Investigation in Philosophical Logic. Kluwer Academic.


  1. Für die unterschiedlichen Befunde der Glücks- und Bedeutungsforschung wird im Folgenden das Easterlin-Paradox exemplarisch diskutiert werden.

  2. Für eine eingängigere Diskussion des in Hume (2001, 172) aufgeworfenen Prinzips sei auf Schurz (1997, 1–7) verwiesen.

  3. Es gibt auch in liberalen Konzeptionen der ökonomischen Wohlfahrtstheorie die Möglichkeit, diesem Schluss zu entgehen. Die Beispiele hier sollen allerdings eine Stoßrichtung verdeutlichen, die am Liberalismus kritisiert werden kann.

  4. Der Begriff meint hier und im Folgenden eine dem englischen »happiness«-Begriff entsprechende Bedeutung.

  5. Diese These ist unter anderen besonders prominent in der Grundlegung Immanuel Kants kritisiert worden. Kants Einwand trifft Layards Konzeption, die ein sehr empirisches Verständnis von Glück im Sinn hat, nur sehr bedingt.